Was ist Myopie-Management?
Kurzsichtigkeit – medizinisch als Myopie bezeichnet – ist weltweit auf dem Vormarsch. Besonders bei Kindern und Jugendlichen nimmt die Sehschwäche in den letzten Jahrzehnten dramatisch zu. Holden et al. (2016) prognostizierten in einer vielzitierten Studie, dass bis zum Jahr 2050 knapp 50 % der Weltbevölkerung kurzsichtig sein könnten – mit gravierenden Folgen für die globale Augenheilkunde.
Doch Kurzsichtigkeit ist weit mehr als ein optisches Problem, das sich mit einer Brille lösen lässt. Eine unkontrolliert fortschreitende Myopie erhöht das Risiko für schwerwiegende Augenerkrankungen wie Netzhautablösung, Grünen Star (Glaukom) oder myope Makulopathie erheblich – insbesondere bei hoher Myopie über -6,00 dpt.
Genau hier setzt das Myopie-Management an: ein modernes, wissenschaftlich fundiertes Konzept, das darauf abzielt, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit bei Kindern aktiv zu verlangsamen und zu kontrollieren.
Was bedeutet Myopie überhaupt?
Bei einer Myopie ist der Augapfel im Verhältnis zur Brechkraft der Hornhaut zu lang. Dadurch werden einfallendes Licht und Bilder nicht auf der Netzhaut, sondern vor der Netzhaut gebündelt. Die Folge: Objekte in der Ferne erscheinen unscharf, während die Nahsicht meist problemlos funktioniert.
Kurzsichtigkeit entsteht in der Regel im Schulalter und kann sich bis ins frühe Erwachsenenalter kontinuierlich verschlechtern. Je früher sie beginnt und je schneller sie fortschreitet, desto größer ist das Risiko, im Erwachsenenalter eine hohe Myopie zu entwickeln.
Klinisch gebräuchliche Schweregrade:
| Grad | Dioptrien |
| Leichte Myopie | -0,50 bis -3,00 dpt |
| Mittlere Myopie | -3,00 bis -6,00 dpt |
| Hohe Myopie | über -6,00 dpt |
Warum nimmt Kurzsichtigkeit bei Kindern zu?
Die rasante Zunahme der Myopie ist kein Zufall – sie spiegelt grundlegende Veränderungen im Lebensstil moderner Gesellschaften wider. Experten nennen mehrere eng miteinander verknüpfte Ursachen:
Zu wenig Zeit im Freien gilt als einer der bedeutsamsten Risikofaktoren. Tageslicht regt in der Netzhaut die Ausschüttung von Dopamin an, einem Botenstoff, der das Augenwachstum reguliert und bremst. Kinder, die täglich mehrere Stunden im Freien verbringen, entwickeln nachweislich seltener eine Myopie.
Zunehmende Naharbeit – durch Lesen, Schreiben und insbesondere durch die Nutzung digitaler Geräte – belastet das Auge auf eine Weise, die das Längenwachstum des Augapfels begünstigt. Mit der fortschreitenden Digitalisierung von Schule und Freizeit steigt die durchschnittliche Bildschirmzeit bei Kindern Jahr für Jahr.
Veränderte Lebensumgebungen tragen ebenfalls dazu bei: Kinder wachsen heute häufiger in städtischen Umgebungen auf, verbringen mehr Zeit in geschlossenen Räumen und haben weniger Gelegenheit zur freien, natürlichen Bewegung im Außenbereich.
Das Zusammenspiel dieser Faktoren erklärt, warum Myopie in dicht besiedelten, hochtechnisierten Gesellschaften besonders stark zunimmt – und warum frühzeitiges Gegensteuern so wichtig ist.
Was ist Myopie-Management?
Myopie-Management bezeichnet eine Reihe von klinisch erprobten Methoden und Therapieansätzen, die das Längenwachstum des Augapfels bremsen und dadurch das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit verlangsamen. Im Unterschied zu einer gewöhnlichen Brillenkorrektur, die lediglich die Sehschärfe ausgleicht, wirkt das Myopie-Management auf die Ursache der Progression ein.
Das Ziel ist nicht, die bestehende Kurzsichtigkeit rückgängig zu machen, sondern zu verhindern, dass sie stärker wird. Selbst eine Verlangsamung der Progression um 50 % kann langfristig den Unterschied zwischen einer handhabbaren Sehschwäche und einer Hochmyopie mit ernstem Komplikationsrisiko ausmachen – ein Befund, den Holden et al. (2016) in Ophthalmology eindrücklich belegt haben.
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Für wen ist Myopie-Management geeignet?
Myopie-Management richtet sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche, bei denen:
- eine Kurzsichtigkeit bereits diagnostiziert wurde,
- sich die Sehstärke von Jahr zu Jahr merklich verschlechtert (eine Progression von -0,50 dpt pro Jahr oder mehr wird häufig als klinisch relevant angesehen),
- eine familiäre Vorbelastung besteht (kurzsichtige Elternteile erhöhen das Risiko deutlich),
- oder die Kurzsichtigkeit in einem besonders frühen Alter (unter 8 Jahren) eingesetzt hat.
Auch Erwachsene mit noch aktiver Myopie-Progression können von bestimmten Maßnahmen profitieren. Eine individuelle Untersuchung und Beratung ist jedoch in jedem Fall unerlässlich.
Welche Methoden gibt es beim Myopie-Management?
Es existieren mehrere wissenschaftlich anerkannte Ansätze, die je nach Alter, Lebensweise und Ausmaß der Kurzsichtigkeit eingesetzt oder miteinander kombiniert werden können.
Vergleich der wichtigsten Methoden
| Methode | Reduktion der Progression | Geeignet für |
| DIMS-Brillengläser | ca. 50-60 % | Kinder ab Schulalter |
| MiSight Kontaktlinsen | ca. 59 % | Kinder und Jugendliche ab ca. 8 Jahren |
| Orthokeratologie (Ortho-K) | ca. 30-60 % | Kinder und Jugendliche, oft ab ca. 8 Jahren |
| Atropin-Augentropfen | ca. 30-70 % (dosisabhängig) | Kinder, meist in Kombination |
Alle Angaben basieren auf publizierten klinischen Studien; individuelle Ergebnisse können variieren.
- Myopie-kontrollierende Brillengläser
Spezielle Brillengläser – darunter die Defocus Incorporated Multiple Segments (DIMS)-Technologie – sind so konzipiert, dass sie neben der zentralen Korrektur periphere Lichtanteile gezielt lenken und dadurch das Augenwachstum bremsen.
Eine klinische Studie von Lam et al. (2020), veröffentlicht im British Journal of Ophthalmology, zeigte über zwei Jahre eine Reduktion der Myopie-Progression um 52 % sowie eine Verringerung des axialen Augenwachstums um 62 % im Vergleich zu Einstärkengläsern.
Diese Methode eignet sich besonders für jüngere Kinder, da keine Handhabung von Kontaktlinsen erforderlich ist.
- Orthokeratologie (Ortho-K)
Bei der Orthokeratologie werden nachts formstabile Spezialkontaktlinsen getragen, die die Hornhaut sanft und reversibel umformen. Tagsüber sieht das Kind ohne jegliche Sehhilfe klar; gleichzeitig wird das Augenwachstum durch die veränderte Hornhautgeometrie gebremst.
Ortho-K ist häufig ab etwa 8 Jahren einsetzbar – allerdings hängt der geeignete Zeitpunkt maßgeblich von der Reife des Kindes, der Motivation und der Fähigkeit zur eigenständigen Linsenpflege ab. Studien berichten über eine Progressionsverlangsamung von ca. 30-60 %.
- Myopie-kontrollierende Weichkontaktlinsen
Weiche Kontaktlinsen mit dualer Fokusoptik – wie MiSight 1 day von CooperVision – werden tagsüber getragen und erzeugen periphere Defokussierungssignale, die das Längenwachstum des Auges hemmen.
Eine klinische Studie von Chamberlain et al. (2019), veröffentlicht in Optometry and Vision Science, belegte über drei Jahre eine Reduktion der Myopie-Progression um 59 % sowie eine Verringerung des axialen Augenwachstums um 52 %.
Diese Option ist besonders geeignet für aktive Kinder und Jugendliche ab etwa 8-12 Jahren.
- Atropin-Augentropfen
Niedrig dosiertes Atropin wird einmal täglich in das Auge gegeben und hemmt auf neurochemischem Wege das Augenwachstum. Die Wirksamkeit ist stark dosisabhängig: Die LAMP-Studie (Yam et al., 2019) zeigte, dass 0,05-prozentiges Atropin die Progression um ca. 67 % reduzierte, 0,025-prozentiges um ca. 43 % und 0,01-prozentiges um ca. 27 %.
Aktuelle Dosierungen liegen typischerweise zwischen 0,01 % und 0,05 %; die Progressionsverlangsamung beträgt je nach Konzentration etwa 30-70 %. Atropin wird häufig mit anderen Methoden kombiniert und sollte ausschließlich unter augenärztlicher Aufsicht angewendet werden.
- Verhaltens- und Lebensstilmaßnahmen
Ergänzend zu optischen und pharmakologischen Methoden spielen folgende Faktoren eine nachgewiesene Rolle:
- Aufenthalt im Freien: Etwa 2 Stunden täglich im Freien reduzieren nachweislich das Risiko einer Myopie-Entstehung und -Progression. Tageslicht stimuliert die Ausschüttung von Dopamin in der Netzhaut, was das Augenwachstum hemmt.
- Bildschirmzeiten regulieren: Lange Naharbeit ohne Pausen fördert das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit. Die 20-20-20-Regel – alle 20 Minuten für 20 Sekunden auf einen Punkt in ca. 6 Meter Entfernung schauen – ist eine einfache und wirksame Maßnahme.
- Leseabstand einhalten: Ein Mindestabstand von 30-40 cm bei Naharbeit wird empfohlen.
Was ist die beste Methode für das Myopie-Management?
Es gibt keine einzelne, universell beste Methode. Die Wahl hängt vom Alter des Kindes, der Stärke der Kurzsichtigkeit, der Progressionsgeschwindigkeit und den individuellen Bedürfnissen ab. Häufig werden spezielle Brillengläser, myopiekontrollierende Kontaktlinsen oder niedrig dosiertes Atropin eingesetzt – mitunter auch in Kombination. Eine fundierte Einzelfallbeurteilung durch einen qualifizierten Augenoptiker oder Augenarzt ist daher unerlässlich.
Wann sollte mit dem Myopie-Management begonnen werden?
Je früher, desto besser. Der ideale Zeitpunkt ist die Diagnose selbst. Wird Kurzsichtigkeit bei einem Kind festgestellt, sollte unmittelbar geprüft werden, ob und welche Myopie-Management-Maßnahmen sinnvoll sind – insbesondere bei familiärer Vorbelastung oder rasch fortschreitender Sehverschlechterung.
Ein frühzeitiger Beginn maximiert den Therapieerfolg, da das Augenwachstum in jüngeren Jahren am aktivsten ist und somit am stärksten von einer Verlangsamung profitiert.
Wie wird der Fortschritt überwacht?
Myopie-Management ist ein langfristiger Prozess, der regelmäßige Kontrollen erfordert. Dazu gehören:
- Refraktionsmessung – Überprüfung der aktuellen Sehstärke in Dioptrien
- Achslängenmessung (Biometrie) – die präziseste Methode zur Beurteilung des tatsächlichen Augenwachstums
- Therapieanpassung bei unzureichendem Ansprechen
In der Regel werden halbjährliche Kontrolltermine empfohlen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann Myopie-Management die Kurzsichtigkeit rückgängig machen?
Nein. Myopie-Management zielt darauf ab, das Fortschreiten zu verlangsamen und zu kontrollieren, nicht die bestehende Kurzsichtigkeit zu heilen. Die bisherige Sehschwäche bleibt bestehen.
Ab welchem Alter kann mit dem Myopie-Management begonnen werden?
In der Regel ab dem frühen Schulalter (ca. 6-8 Jahre), je nach gewählter Methode. Brillengläser können früher eingesetzt werden; Kontaktlinsen erfordern ein gewisses Maß an Eigenverantwortung und Hygienebewusstsein des Kindes.
Ist Myopie-Management gefährlich oder hat es Nebenwirkungen?
Die anerkannten Methoden gelten als sicher und gut verträglich. Bei Atropin können bei niedrigen Konzentrationen vorübergehend leichte Lichtempfindlichkeit oder eine minimal verschwommene Nahsicht auftreten; diese sind in der Regel mild und nicht dauerhaft.
Wie lange muss das Myopie-Management durchgeführt werden?
In der Regel bis das Augenwachstum abgeschlossen ist, was typischerweise zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr der Fall ist.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Die Kosten werden von gesetzlichen Krankenkassen derzeit meist nicht oder nur in Ausnahmefällen übernommen. Manche privaten Krankenversicherungen erstatten Teile der Kosten. Eine individuelle Anfrage bei Ihrer Versicherung wird empfohlen.
Was ist der Unterschied zwischen einer normalen Brille und Myopie-Management?
Eine normale Brille gleicht lediglich die bestehende Kurzsichtigkeit aus, beeinflusst aber das weitere Augenwachstum nicht. Myopie-Management-Maßnahmen wirken hingegen aktiv der Progression entgegen.
Kann Bildschirmarbeit Kurzsichtigkeit verschlimmern?
Bildschirmarbeit selbst gilt nicht als direkte Ursache, begünstigt jedoch durch die damit verbundene anhaltende Naharbeit und den reduzierten Aufenthalt im Freien das Fortschreiten einer bestehenden Myopie. Regelmäßige Pausen und die 20-20-20-Regel können das Risiko deutlich verringern.
Welche Rolle spielt Tageslicht bei der Entwicklung von Myopie?
Tageslicht hat eine nachgewiesene Schutzwirkung. Es stimuliert in der Netzhaut die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin, der das Augenwachstum reguliert. Studien zeigen, dass Kinder, die täglich ausreichend Zeit im Freien verbringen, deutlich seltener eine Myopie entwickeln oder eine langsamere Progression aufweisen.
Fazit
Myopie-Management ist weit mehr als eine Brille mit anderen Gläsern. Es ist ein ganzheitlicher, wissenschaftlich fundierter Ansatz, der das Sehvermögen von Kindern langfristig schützt und das Risiko schwerer Augenerkrankungen im Erwachsenenalter nachweislich reduziert. Angesichts der weltweiten Zunahme von Kurzsichtigkeit – bedingt durch veränderte Lebensstile, mehr Naharbeit und weniger Tageslicht – ist frühzeitiges Handeln wichtiger denn je.
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Quellenhinweise:
- Holden BA et al. Global Prevalence of Myopia and High Myopia. Ophthalmology, 2016.
- Lam CSY et al. Defocus Incorporated Multiple Segments (DIMS) spectacle lenses slow myopia progression. British Journal of Ophthalmology, 2020. PMC7041503.
- Chamberlain P et al. A 3-year randomized clinical trial of MiSight lenses for myopia control. Optometry and Vision Science, 2019.
- Yam JC et al. Low-Concentration Atropine for Myopia Progression (LAMP) Study. Ophthalmology, 2019.
Alle Angaben in diesem Artikel dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle augenärztliche oder augenoptische Beratung. Bitte wenden Sie sich für eine persönliche Einschätzung an einen qualifizierten Fachmann.




